Dennis Hoover

Flash it!

Dass die eigenen Erinnerungen nicht unbedingt eine Quelle der Wahrheit sind, ist keine neue Erkenntnis. Aber was tun, wenn es kaum andere Quellen gibt, zu der Person, der man ein Denkmal setzen will? Ich fühle mich zurückversetzt in das Jahr 1997. Damals war es noch normal, dass Informationen aus Büchern gewonnen wurden. Auch wenn es das Internet bereits gab, hätte man dort wohl nichts über die Hoover-Brüder erfahren.

Mein Freund Andy lebte damals in Nebraska. Prärie soweit das Auge reichte, Felsen erst wieder in den angrenzenden Staaten. Wenn wir klettern oder bouldern wollten, mussten wir mehrere Stunden Anfahrt in Kauf nehmen. Also sollte das Ziel unserer Wahl ein ganz besonderes sein. 

Wir gewannen unsere Informationen damals aus zwei Büchern: Stone Crusade und Rock`n Road. Beide von damals (in der Amerikanischen Boulderszene) sehr bekannten Persönlichkeiten. Beide Bücher hatten schon damals Kultstatus und hätten hier auf solidrocx eigene Beiträge verdient.

Bild zu den Quellen des Artikels

Unsere Aufmerksamkeit richtete sich bald auf das Gebiet Whiterock. In Tim Toulas rock`n road Kletteratlas bekam es vier von fünf möglichen Sternen, als Erschließer wurden die Hoover-Brüder genannt. Gleich am östlichsten Rand von Wyoming gelegen, war es für uns ein nicht all zu fernes Ziel. Zusätzliches Nachschlagen im Stone Crusade versprach: Fester Sandstein, ebener Untergrund, berühmte Boulder – Da mussten wir hin!

Ankunft: Die Blöcke sahen fantastisch aus. Hier war amerikanische Bouldergeschichte geschrieben worden, und wir hatten Topos von drei Blöcken. Nur drei Blöcken! Hoffentlich war das Gebiet berühmt genug, dass hier im Nirgendwo jemand erschien, der mehr Ahnung hatte als wir.

Bild zwei im Beitrag

Nachdem wir eine erste Besichtigungsrunde unternommen hatten, beschlossen wir uns „Jaws“ anzusehen. Der Boulder ist bei Tim Toula unter classics gelistet und mit B2 bewertet. Damals wurde in Whiterock eine vierstufige Boulderskala (B0, B1, B2 und B3) verwendet. Manchmal wurden die Schwierigkeitsgrade zur besseren Orientierung noch mit einem Minus oder Plus (zum Beispiel B2+) versehen. Wir hatten nicht viel Erfahrung mit dieser Skala, aber eine B2 war mir schon einmal gelungen. Also los!

Bild 3 Dennis Hoover

Andy in Jaws B2, Whiterock Wyoming

Wir waren motiviert. Jaws ist eigentlich nur ein Sprung. Ein weiter Sprung, zugegeben, aber sonst kein Problem, oder? Wir hatten ständig das Gefühl „beim nächsten Mal geht’s“. Wir sprangen und sprangen, und irgendwann wurde uns klar, dass der Boulder längst nicht geschafft war, wenn man den Zielgriff des Sprunges erreicht hatte. Wir konnten den Schwung nicht fangen, wenn die Füße geflogen kamen, und rutschten immer wieder vom mühsam erreichten Griff ab.

Irgendwann wurde es dunkel, und wir zogen uns auf die Ladefläche des Pick-Up-Trucks zurück. Wir beschlossen „Jaws“ vorerst nicht mehr zu probieren. Statt dessen wollten wir uns an einem Block namens Frustration Boulder austoben, und sehen, was geht.

Bild 4 Beitrag Dennis Hoover

Am nächsten Morgen waren wir früh auf den Beinen. Es war zu erwarten, dass es mittags sehr warm werden würde, und bis dahin wollten wir schon einiges geschafft haben. Wir spulten 10 Boulder im Bereich B0 ab und wandten uns dann dem ersten schwereren Boulder zu: Einer überhängenden Traverse, die sich auf der Schattenseite des Blockes befand. Wir schauten nicht lange. Das Ding war ein völliges Rätsel. Wir hatten gelesen, dass die Hoover-Brüder eine ganz ungewöhnliche Technik entwickelt hatten. „bizarre linked dynamics“ stand im Stone Crusade, aber wir konnten nicht viel damit anfangen, wir hatten nicht den Anflug einer Idee. In diesem Moment der Ratlosigkeit kam eine schmächtiges Männchen zum Block. Basecap, verschlissenes T-Shirt, Jeans, sicher schon im Ruhestand. Egal! Fragen kostet nichts, und hatten wir nicht auf Besuch gehofft? Andy hielt sich nicht lange zurück. Nachdem wir uns gegenseitig bekannt gemacht hatten, fragte er einfach: „Sag mal Dennis, kennst du die Lösung für diesen Quergang hier?“ 

Unser zunächst unscheinbarer Besucher war tatsächlich Dennis Hoover, einer der Brüder, die dieses Gebiet erschlossen hatten. Isoliert vom Rest der Boulderwelt, hatten sie hier ihr kleines Reich errichtet und sich Linien auf ihre ganz eigene schwingende, pendelnde Art erobert. So, wie sie eben dachten, dass Bouldern, dieser Trendsport aus fernen Gegenden, zu verstehen sei. Ihre einzige Informationsquelle dazu war ein Video von John Gill, in dem dieser erklärt, beim Bouldern ginge es darum, immer in Bewegung zu bleiben. 

Bild 4 Beitrag Dennis Hoover

Dennis Hoover und Andy vor dem Frustration Boulder

Dennis stellte sich vor den Boulder und begann sich in den Hüften zu wiegen, als hinge er an seinen Händen und würde wie ein Uhrpendel schwingen. Dabei begann er sich langsam seitwärts zu bewegen, und seine Hände vollzogen jeden Griffwechsel nach. Sein Arme schlängelten sich durch die Luft, als würde er einen Bauchtanz aufführen. Trotzdem war ich in diesem Moment noch meilenweit davon entfernt, diese Vorstellung mit den Worten „bizarre linked dynamics“ zu verbinden. Ich hatte immer noch nicht begriffen, welch einzigartiges Bewegungsmuster die Hoovers entwickelt hatten.

Später am Tag, Dennis hatte inzwischen seine Kletterschuhe geholt, zeigte er uns einen Boulder namens Stairway to heaven. Sobald Dennis an den Griffen hing, schwang sein Körper gleichmäßig hin und her. Aber das Bild bleibt unvollständig, wenn unerwähnt bleibt, dass er ansatzlos anfing zu pendeln, ohne Schwung zu holen. Wir konnten es kaum glauben, ließen es uns wieder und wieder zeigen. Wir versuchten es nachzumachen, bekamen es aber einfach nicht hin. Dennis war ganz Gentleman. Er versuchte uns aufzuheitern, was ihm dann auch gelang. Er erzählte uns, dass sie sich anfangs mit Knieschonern ausrüsten mussten, weil sie (die Hoover-Brüder) ständig gegen den Fels geschlagen waren und sich verletzt hatten. Auch die Aussage, dass sie zeitlebens nicht in anderen Bouldergebieten gewesen waren, und daher wohl keine Ahnung vom Bouldern hätten, erstaunte uns sehr. Wir wollten es anfangs nicht glauben. Dennis war uns an diesem Tag Guide, Boulderer, und Entertainer. Der perfekte Gastgeber, und einer der liebenswertesten Menschen, die ich beim Klettern getroffen habe.

Bild 5 Beitrag Dennis Hoover

Andy in Jaws B2 Whiterock Wyoming

Und noch etwas ist uns von Dennis in Erinnerung geblieben. Sobald einer von uns in einen Boulder eingestiegen war, feuerte uns Dennis an. „Flash it!“ rief er dann immer wieder, egal wie oft wir den Boulder schon probiert hatten. Noch heute ist es ein Running-Gag von Andy und mir „Flash it!“ zu rufen, wenn unsere Gedanken in der Vergangenheit umherstromern.

Da wir noch am gleichen Tag abreisen mussten, haben wir uns nachdem Dennis gegangen war, noch einmal zum „Jaws“ begeben. Wir hatten keine Chance. Wahrscheinlich hätte Dennis das Pendeln des Körpers, genauso mühelos beenden können, wie er es beginnen konnte, ansatzlos. In diesem Fall wäre „Jaws“ tatsächlich „nur“ noch ein Sprung.

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