Titelbild Storie

Dann sitzt man auf dem Gipfel

vom Nachklang in Gipfelbüchern

Am 08.06.2020 stiegen wir auf die Schmale Wand am Zschirnstein im Elbsandsteingebirge. Beim Blättern durch das Gipfelbuch stießen wir auf eine Eintragung von Jürgen Schierz. Jürgen hat mich auf meine ersten Kletterfahrten nach Sachsen mitgenommen und war mir bis zu seinem Tod 2016 immer ein treuer Seilpartner. Der folgende Text entstand im Oktober 2016. Das Titelfoto dieses Beitrags entstand bevor wir ein Kreuz hinter seine Namen setzten.

Bild 1

Auf dem Foto von 1982 sitzt Jürgen ganz links am Bildrand. Das Bild zeigt eine Hochzeitsfeier auf der Lehnwand in Schmilka.

Dann sitzt man auf dem Gipfel

Dann sitzt man auf dem Gipfel,
zuerst allein, später zu zwein, ist erschöpft und glücklich.
Schaut hinaus in die Weite, und weiß dass dieser Augenblick nie wieder kommen wird.

Dann sitzt man auf dem Gipfel,
und gibt sich die Hand. Zu mehr reicht es nicht,
und doch fühlt man sich einander näher, als man sich bei einer Umarmung je sein könnte.

Dann sitzt man auf dem Gipfel,
und spürt der nahen Vergangenheit nach, erlebt sie noch einmal.
Die Anspannung vor der schwersten Stelle des Aufstiegs, die Angst vor dem Versagen.

Dann ist man noch einmal in der Wand,
kontrolliert gemeinsam die Sicherung, an der das Leben hängt.
Das Leben, das man mit vollem Vertrauen in die Hände des Partners, seines Freundes legt.

Dann ist man noch einmal in der Wand,
sieht sich emporsteigen, erst langsam tastend, dann entschlossen,
und man weiß, dass der Partner unten mehr Angst um einen hat, als man selbst um sich.

Man steht noch einmal vor der Schlüsselstelle,
voll konzentriert, und plötzlich verschwindet alles um einen herum.
Da ist nur noch der Fels, und die Gewissheit, dass man jetzt an seine Grenzen gehen wird.

Dann sitzt man auf dem Gipfel,
und atmet tief durch, als wäre man noch unten in der Wand,
und der Partner weiß, wie es einem ergeht, dass sich gerade alles noch einmal wiederholt.

Später blättert man durchs Gipfelbuch,
und da stehen sie alle, die Heldentaten der anderen Kletterer,
hintereinander, als wäre es kein Zufall gewesen, wann sie diesen Fels bestiegen hatten.

Man blättert durchs Gipfelbuch,
und findet Namen von anderen Partnern und Freunden.
Findet Namen von Freunden, hinter die jemand in tiefer Trauer ein Kreuz gesetzt hat.

Dann sitzt man auf dem Gipfel,
und die Gefühle vermischen sich, alte und neue.
Es ist schön mit einem Freund still da zu sitzen, und an all jene zu denken, die nicht mehr sind.

Man sitzt auf dem Gipfel,
glücklich und traurig, voll Tatendrang und voller Demut.
Und man weiß, dass man auch weiter ins Gebirge ziehen und auf Gipfel steigen wird.

Man sitzt auf dem Gipfel,
und weiß, dass der Moment kommen wird,
in dem man selbst den Stift nehmen und ein Kreuz hinter einen Namen setzen wird,

den Namen eines Freundes.

Bild 2

Jürgen am 17. Oktober 1987 in der Kansteinboofe

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